Elektromobilität

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ELEKTROMOBILITÄT

Stromern für Fortgeschrittene

In Sachen Elektromobilität ist Dülmen ganz weit vorn: Dank guter Infrastruktur und Vernetzung gibt es viele überzeugte „Stromer“ hier, und das nicht nur der Umwelt wegen, wie der Stammtisch Elektromobilität und die Fahrschule Motoschool aus Dülmen berichten.

Stammtisch Elektromobilität?! Ja, den gibt’s – und zwar schon seit 2017. Gegründet hat ihn der damalige Klimaschutzbeauftragte von Dülmen, Günther Thomas, mit dem Ziel, interessierte Bürgerinnen und Bürger miteinander ins Gespräch zu bringen, Erfahrungen auszutauschen, Fragen zu klären und Berührungsängste abzubauen. Heute ist der Stammtisch ein Selbst­läufer; 20 bis 30 Leute kommen bei den Treffen zusammen und immer wieder neue hinzu.

Christin und Dominik Nathaus sind Gründungsmitglieder und alte Hasen in Sachen Elektrofahrzeug: Das Paar fährt seit 2013 elektrisch. „Damals haben wir uns einen Twizzy gekauft, eine Art Quad mit Dach. Man sitzt darin halboffen und hintereinander.“ Aus 
Umweltgründen? „Ach was“, lacht Christin Nathaus, „aus Spaß!“


Das Gokart-Feeling in dem kleinen Flitzer, die lautlose, kraftvolle Beschleunigung, all das war Erlebnis pur und 
hat damals den Ausschlag gegeben. Für „ernsthafte“ Wege stand ja „der Verbrenner“ bereit, so Dominik Nathaus. Vor vier Jahren sind die beiden dann komplett umgestiegen. Den Strom für die zwei E-Autos in der Garage erzeugt die Photovoltaik (PV)-Anlage auf dem Dach des neugebauten Hauses. Auch auf Langstrecken gibt es selten ein Versorgungsproblem. Zwar schwankt die Dichte an Ladesäulen von Region zu Region, „aber das plant man halt entsprechend“, sagt Nathaus. Das Laden selbst sei erstaunlich schnell erledigt: „Päuschen, Kaffee, weiter geht’s.“

Der Fahrspaß mit Elektromotor überzeugt auch Profis wie Gernot Kempkes, Mitinhaber der Fahrschule Motoschool in Dülmen. „Sind Sie schon mal elektrisch gefahren? Danach wollen Sie nichts anderes mehr“, antwortet er auf die Frage, weshalb seine Fahrschulflotte neuerdings zur Hälfte aus E-Fahrzeugen besteht. „Das ist die Zukunft, davon bin ich fest überzeugt. Ein E-Auto stinkt nicht, hat eine wunderbar sanfte Beschleunigung und bringt ein total entspanntes Fahrgefühl – gechillt, sagen unsere jungen Leute.“ In seiner Fahrschule Motoschool wird nur noch am Simulator mit Schaltgetriebe geübt, auf die Straße geht’s mit einem Elektrischen mit Automatik als Einstiegsfahrzeug. „Darauf lernt man am schnellsten und einfachsten“, so Kempkes. Sitzen die Grundlagen des Fahrens, folgen noch die vorgeschriebenen Stunden im Automatik-Verbrenner, dann kann’s in die Fahrprüfung gehen.

Seine Elektroflotte wertet Kempkes als doppelten Wettbewerbsvorteil: Der Kundschaft spart sie Fahrstunden und damit Geld. Und die Motoschool kann mit dem gleichen Team mehr Prüflinge vorbereiten – auch in der Fahrschul-Branche sind nämlich die Fachkräfte knapp. Außerdem koste dank Umweltprämie ein E-Auto nur so viel wie ein normaler Golf. Und weil es nur alle zwei Jahre zur Inspektion muss und auf zehn Jahre steuerbefreit ist, sei es unterm Strich sogar günstiger.

Der Führerschein mit 18 ist übrigens passé, weiß Kempkes. Heute gebe es auch auf dem Land „Multimodalität“, also Alternativen, um von A nach B zu kommen. Die Fahrerlaubnis wird erst mit Beruf und Familie wichtig: „Unsere Schüler sind heute zwischen 20 und 30.“

Die Ökobilanz eines E-Autos ist jedoch nicht automatisch besser, rechnet Reinhild Kluthe, die Chefin des Dülmener Klimamanagement-Teams, vor: „Der Öko-Fußabdruck betrachtet ja nicht nur Antrieb und Verbrauch, sondern die Belastung entlang der gesamten ökologischen Kette. Insofern schneidet ein Elektroauto nur dann besser ab als ein Verbrenner, wenn über mehrere Jahre eine Fahrleistung von insgesamt 50.000 bis 80.000 Kilometern erreicht wird.“ Und selbst dann geht die Rechnung nur mit Ökostrom aus erneuerbaren Energien auf – im Idealfall vom eigenen Dach wie bei Familie Nathaus.

E-Bike statt Auto: Das ist bei kürzeren Strecken das bessere Klimaschutz­konzept – solange man den Supermarkteinkauf um die Ecke trotzdem weiterhin zu Fuß oder per Fahrrad erledigt. „Multimodalität ist der Schlüssel zu klimaverträglicherer Mobilität“, sagt Kluthe. Doch um das Verkehrs­mittel entsprechend der Strecke wählen zu können, braucht es auch passende Angebote und die Infrastruktur dazu.

Im Dülmener Klimaschutzkonzept von 2011, das gerade fortgeschrieben wird, ist beides vorgesehen – und teilweise auch schon realisiert. Das Radwegenetz ist ausgebaut worden. Es gibt ein Ladesäulen-Netz für E-Autos, allein fünf stehen vor dem technischen Rathaus, an denen auch die städtische Elektroflotte „tankt“. Die ÖPNV-Angebote wurden verbessert, etwa durch den Bürgerbus. Auch die kommunale Öffentlichkeits­arbeit beginnt zu wirken, die die Bürgerinnen und Bürger anregt, sich in Sachen Mobilität zu vernetzen, Mitfahrgelegenheiten online oder auf den sogenannten Mitfahrbänken zu finden (einer Art Bushaltestelle für Privatpersonen). Und es werden weitere Optionen hinzukommen, da ist sich Kluthe sicher. Durch Wasserstoffantrieb beispielsweise, der besonders Gütertransporte und Langstrecken energie­effizienter möglich machen wird.

Eine motivierende Entwicklung sei da im Gange, sagt Kluthe, und sie betrifft nicht nur die Mobilität: Landwirte schaffen Flächen für Blühwiesen, Unternehmen engagieren sich mit klimaschonenden Energiekonzepten, die Stadt selbst wird allein in 2021 zehn weitere Photovoltaik-Anlagen auf ihren Gebäuden installieren. Lauter kleine Schritte auf dem Weg zum großen Ziel Klimaneutralität bis spätestens 2035. Kluthe und ihr gut aufgestelltes Team setzen auf das Engagement jeder und jedes Einzelnen, von kleinen Maßnahmen wie Ökostrom und nachhaltigerem Konsum bis zu großen wie der Energie­sanierung der Wohngebäude. Denn eins ist klar: Nur gemeinsam gelingt’s.